Bewertung und Kassation


Josef Zwicker: Erlaubnis zum Vernichten. Die Kehrseite des Archivierens

Arbido, 19 (2004), Heft 7 (Juli-August), S. 18 - 21

Der Autor hat einen interessanten Beitrag an die Tagung "Volle Speicher - leere Kassen" im März 2004 der Mediengruppe der SVD und der Fachgruppe 7 der VdA geliefert. Er stellt strategische Überlegungen an, bezieht sich auf ältere deutsche Literatur und vermittelt auch einige relevante angelsächsische Sichtweisen. Die übrigen in Arbido ebenfalls publizierten Vorträge betreffen Werkstattberichte (Schweizer Mediendatenbank, Ringier Dokumentation Bild sowie Memobase von Memoriav) oder globale Überblicke.

Zwicker betont, dass ein Verwaltungsarchiv eine "Kontrollinstanz ex post" ist, sowie über ein "Dokumentationsprofil" verfügen muss, wo auch lokale Besonderheiten und eigene Traditionen Platz haben. Für ihn sind das "Ermöglichen der Nachvollziehbarkeit primär staatlichen und sekundär des allgemeinen gesellschaftlichen Handelns" (20) die Essenz und Einmaligkeit der archivischen Bewertungsfunktion. Es geht darum, "das Funktionieren und die Werte der Gesellschaft zu dokumentieren, so wie sie zur Zeit der Entstehung der Unterlagen existiert" (19). Strukturen haben hierbei Gewicht, aber auch Individuen, Personen, "gewöhnliche Leute" und Randgruppen.

Sein Beitrag ist pointiert und weist darauf hin, dass aktive Bewertung bei Archivaren und Archivarinnen nicht nur "altes Handwerk" ist, sondern vor allem auch ein gewisses Mass an "Selbstreflexion" voraussetzt. Archivare können das Gedächtnis künftiger Generation stark beeinflussen und verfügen so über "Macht". Sie müssen und werden damit dennoch methodisch und transparent umgehen. Das unvermeidliche subjektive Vorgehen sollte soweit möglich objektiviert werden. Letztendlich gehen diese Ideen auf den amerikanischen Archivar F. Gerald Ham zurück, der in den 70ger und 80ger Jahren des 20. Jahrhunderts die überaus verwaltungsorientierten Sichtweisen von Theodore R. Schellenberg und Sir Hilary Jenkinson um eine soziale und kulturelle Dimension erweiterte.

Zur Umsetzung solcher Visionen ist (neben konkreten Kriterien und Instrumenten) ein "Überblick über das Ganze" notwendig (21), auch wenn künftige Fragestellungen "kaum vorhersehbar" (19) sind. Sichern allein reicht nicht aus (könnte als Notmassnahme in Spezialfällen dennoch sinnvoll sein, wie ich es sehe). Übernommene Bestände müssen zugänglich sein oder mit den vorhandenen Ressourcen zugänglich gemacht werden können. Klar ist, dass die von Zwicker genannten 3-5% Archivwürdigkeit der aufgezeichneten Informationen eine rein theoretische Annahme bleiben, solange prospektive Bewertung nicht im Arbeitsalltag des Records Management eingebaut ist. Das Kontinuum-Konzept, das nach Ham entwickelt wurde, sollte in diesem Zusammenhang voll zum Tragen kommen.