Ordnen und Erschliessen


Adrian Zimmermann: Fusion und Tradition. Archivbericht im Hinblick auf die Fusion der Gewerkschaften GBI, SMUV und VHTL liegt vor

Arbido, 18 (2003), Nr. 10 (Oktober), S. 12 - 15

Rezensent Peter Toebak

Aus Anlass der Fusion der Gewerkschaft Bau und Industrie (GBI), der Gewerkschaft Industrie, Gewerbe und Dienstleistungen (SMUV) und der Gewerkschaft Verkauf, Handel, Transport und Lebensmittel (VHTL) hat der Autor einen Archivbericht erstellt, welcher die Basis für seinen archivorganisatorisch und methodologisch vorbildlichen Artikel bildet. Die neue Gewerkschaft heisst UNIA und vereinigt ab Herbst 2004 mehr als 200.000 Mitglieder. Der Hauptsitz wird, wie es jetzt aussieht, in Bern sein. Die etwa 1.000 Angestellten sind auch in lokalen und regionalen Sekretariaten tätig. Es ist klar, dass eine solche Fusion eine umfangreiche, vielumfassende Reorganisation nach sich zieht, einschliesslich physischer Umzüge und Konzentrationen der Archivbestände.

Es war das Ziel des Archivberichts, negativ ausgedrückt: "wilde Kassationen" zu vermeiden, positiv ausgedrückt: eine Gesamtübersicht der involvierten Bestände zu erhalten und eine Archivstrategie für die Zukunft der neuen Grossorganisation zu erarbeiten. Die Geschichte der vorgelagerten Provenienzbildner kennzeichnet sich durch Langzeitigkeit (manchmal bis weit in das 19. Jahrhundert), Vielfalt, Wachstum und das Vorhandensein fester Entscheidungsgremien und Verwaltungsstrukturen. Für die Tektonik der Bestände sind dies ausschlaggebende Faktoren und für die Qualität des Quellenmaterials interessante Hinweise.

Der physische Zustand der Archivbestände der Zentralorgane von GBI, SMUV und VHTL scheint befriedigend zu sein (insgesamt 1.376 Laufmeter), auch wenn Lagerung und Verpackung nicht immer optimal waren. Die logische Ordnung ist im Falle des SMUV-Archivs mittels eines Archivplans und elektronischen Archivkatalogs gesichert. Die übrigen Bestände sind vorerst nur mittels Groblisten erschlossen. Regions- und Sektionsarchive (schätzungsweise 1.350 Laufmeter) befinden sich entweder in den entsprechenden Sekretariaten oder teilweise auch in lokalen oder kantonalen Archiven. Die wesentlichen Bestandteile der Zentralorgane sind erhalten geblieben, während die dezentralen Bestände oftmals Lücken aufweisen. Das Sozialarchiv in Zürich und andere Kategorialarchive enthalten zusätzlich relevante Bestände.

Der Bericht ist die Basis für die weitere Archivaufarbeitung. Die UNIA wird "ein systematisch nachgeführtes, mit einem elektronischen Findmittel erschlossenes und öffentlich zugängliches Zentralarchiv" führen, das "zumindest virtuell" die z.T. zerstreuten Bestände der Gewerkschaftshistorie wieder zusammenbringt (15). Die Geschäftsleitung hat das Gewicht seines Archivs, inklusive der dynamischen Bestände, begriffen und beteiligt sich in einer bereits konstituierten Archivkommission. Der notwendige "active and visible support" des Spitzenmanagements (wie auch gefordert vom ISO Standard 15 489 für Records Management) wird so faktisch erfüllt. Die bereits länger vorhandene "Archivtradition" beim Schweizerischen Gewerkschaftsbund (SGB) als Dachverband und beim SMUV wird diesbezüglich sicherlich ein stimulierender Faktor gewesen sein.

Zimmermann betont zum Schluss die Bedeutung des Records Managements (Schriftgutverwaltung), inklusive prospektiver Bewertung, für eine professionell funktionierende moderne Gewerkschaft. Nicht nur werden damit archivische Rückstände vermieden, sondern es werden - noch wichtiger - auch die Voraussetzungen einer effizienten und transparenten Alltagsarbeit geschaffen. Dieses Thema wird übrigens Gegenstand seiner Abschlussarbeit im Rahmen des Zertifikats in Archivwissenschaften an der Uni Lausanne sein. Man darf überhaupt auf die Abschlussarbeiten dieses Lehrgangs gespannt sein. Sie werden die schweizerische Archivistik bald mit lehrreichen Fallstudien verreichen können.

Für die späteren Entwicklungen, inklusive die Übergabe der Zentralarchiven an das Schweizerische Sozialarchiv, siehe Rebekka Wyler, "Zukunft gewerkschaftlicher Archivbestände", in: Arbido, 20 (2005), Heft 11 (November), S. 19-21; Rebekka Wyler, "Von Romanshorn bis Genf. Wohin mit lokalen und regionalen Gewerkschaftsarchiven? Der Versuch koordinierter Überlieferungsbildung in föderalen Strukturen", Arbido, 22 (2007), Heft 3, S. 70-73.