Records- und Datenmanagement


Lars Arne Turczyk: Information Lifecycle Management als Weg aus dem Speicherdilemma

Nachrichten für Dokumentation (NfD). Zeitschrift für Informationswissenschaft und -praxis, 55 (2004), Nr. 7 (Oktober/November), S. 407 - 408, 410

Rezensent Peter Toebak

Der Autor stellt das sogenannte Information Lifecycle Management (ILM) vor, wie wäre es eine neue Erfindung. "Information Lifecycle Management (ILM) ist eine Möglichkeit, den Wildwuchs zu lichten und Ordnung in das Chaos zu bringen" (407). Bekanntlich verlieren Daten - es ist in diesem Zusammenhang von Daten- und Unterlagen-Records die Rede - ihre operative Geschäftsrelevanz bald einmal nach dem Empfang bzw. der Erstellung. Der Autor stützt sich auf eine internationale Studie und schreibt: "Die Wahrscheinlichkeit, Daten wiederzuverwenden, fällt (...) um 50 Prozent innerhalb [von] drei Tagen nach ihrer Schaffung. Dreissig Tage nach der Entstehung fällt die Wahrscheinlichkeit der Wiederverwendung (...) normalerweise unterhalb von wenigen Prozentpunkten" (407). Weiter: "Erwiesenermassen werden 80 Prozent aller Daten nach 30 Tagen nicht mehr gelesen" (408).

Die Daten- und Unterlagen-Records bleiben aus gesetzlichen, juristischen, finanziellen und organisatorischen Gründen auch nachher noch wenigstens 10 Jahre bis 12 Jahre relevant. Die Benutzungsfrequenz kann, z.B. bei einer Wirtschaftsprüfung, einem Spezial-Audit, einem Jahresabschluss oder einer Studie, zudem kurz- und mittelfristig plötzlich wieder exponentiell ansteigen. Sogar stellt das "Corporate Memory" unter Umständen noch langfristigere Anforderungen dar. Lebenszyklus-Management, mit einer ausgewogenen Ablagen- und Medienhierarchie, mit Formatvorgaben, Metadaten-Standards, Unveränderbarkeit und Sicherheit der Daten, hat finanziell und logisch seit jeher grossen Wert. Diese Sichtweise scheint inzwischen zu halten. "Der Speicherbedarf wuchs über 100 Prozent pro Jahr während der späten 90er Jahre. Heute beträgt die Rate etwa 50 bis 70 Prozent pro Jahr" (407).

Der Autor plädiert für ein "Gesamtkonzept" und "strukturiertes Datenmanagement". Sein Vorgehen ist jedoch handgestrickt. Redundanz ("durchschnittlich" werden "acht bis zehn Kopien der Originaldaten vorgehalten", 408), Speichereffizienz und Informationsbewirtschaftung können sich nicht quasi intuitiv entwickeln. Hiervon geht der Autor offenbar aus, wann er sein Stufenmodell nach vorne bringt: Erfassung, Sozialisierung, Klassifizierung, Automatisierung und Überprüfung. Sein Modell ist anwendungsorientiert, sogar hardwareorientiert, nicht primär datenorientiert. Es ermöglicht höchstens Korrekturen hinsichtlich laufender Fachanwendungen und ERP-Systeme oder bestimmt das Vorgehen bei einer retrospektiven Altdaten-Übernahme. Damit kann im besten Fall reaktiv und ad hoc nur ein Teil des Records Management abgedeckt werden.

Records Management, inklusive des Lebenszyklus-Management, muss aber allererst proaktiv ausgerichtet sein. Auch machen die strukturierten Bearbeitungs- und Entscheidungsprozesse mit ihrem homogenen Records-Output nicht die volle Wahrheit eines Unternehmens, einer Verwaltung oder einer anderen Organisation aus. Viele Geschäftsprozesse sind weniger strukturiert und führen zu heterogenerem Schriftgut. Für generisches Records Management, vor allem auch der vom Autoren erwähnten E-Mails und Office-Dokumente, reicht das propagierte Stufenmodell keineswegs aus. Die wirkliche Lösung sollte grundsätzlich datenorientiert sein, auf gediegeneren Fachkonzepten stützen (welche dem allbekannten Dokumenttyp-Ansatz übersteigen) und auch die Fachanwendungen und ERP-Systeme logisch und technisch mittels "crosswalks" und Schnittstellen einbinden.

Wer von "Lifecycle" spricht, spricht auch von Records Management. Dass dabei der ISO-Standard 15 489 nicht einmal erwähnt wird, ist eigentlich unverzeihlich.