Personal und Organisation


Wilfried Schöntag: Verwaltungsstrukturreform in Baden-Württemberg. Auswirkungen auf die Überlieferungsbildung und auf die Archivorganisation

Nicole Bickhoff: Reform der baden-württembergischen Archivverwaltung. Strategisches Management als Steuerungsinstrument des Veränderungsprozesses

Katharina Tiemann: Kommunalarchive und Verwaltungsreform

Der Archivar. Mitteilungsblatt für deutsches Archivwesen, 58 (2005), Heft 3 (Juli), S. 183 - 185, 186 - 188 und 193 - 198

Rezensent Peter Toebak

Archivinstitutionen haben es momentan nicht leicht in Deutschland. Insgesamt drei Beiträge in der Juli-Nummer des Archivars befassen sich mit der Thematik der Verwaltungsreform und behandeln die Folgen für das Archivwesen. Spardruck, NPM, Neues Rechnungsmodell, betriebswirtschaftliches Denken, ISO 9001 und Qualitätsmanagement, EDV-Einsatz, E-Government, alle krempeln auch das Archivwesen um. Die Autoren gehen auf die Risiken und Gefahren ein, sie betonen aber auch die Chancen.

Die Beiträge beziehen sich hauptsächlich auf die Organisationsentwicklungsaspekte der Restrukturierung. Die Folgen für die Qualität und Quantität der Bestandsbildung innerhalb der Verwaltungsorgane als Aktenproduzenten und für die Überlieferungsbildung durch die Archive werden kaum behandelt, obwohl Aufgaben ausgelagert, reduziert oder autonomer als bisher erledigt werden. Die Australier sprechen in diesem Zusammenhang bildhaft von "endemic administrative change"* und reagierten prompt mit Archivkonzepten wie "durchgehende Kompetenzen" und "weiterführende Records-Serien".

Dass der Konfliktzündstoff in Organisationsänderungsprozessen auch unter Archivaren gross ist, wird niemandem erstaunlich sein (Schöntag, Bickhoff). Nicht nur muss die neue baden-württembergische Archivverwaltung bis zu 20% der Personal- und Sachmittelkosten einsparen, auch geht die Selbst- und Eigenständigkeit vieler Partizipanten verloren. Eine neutrale Moderation organisatorischer, betriebswirtschaftlicher Natur kann dann zur Objektivierung der Problematik sinnvoll sein. Durch die neue Produktpalette gemeinsam zu diskutieren, zu messen, intern und extern zu vermarkten, werden in diesem Sinne ebenfalls wichtige Schritte gemacht.

Mit Recht schreibt Tiemann: "Von strategischer Bedeutung ist die Erstellung der Eröffnungsbilanz [Gemeinde], bei der die Archive erstmalig aufgefordert sind, eine Wertermittlung der Archivbestände vorzunehmen" (finanzielle Bewertung des von ihnen verwahrten Archivguts) (195). Diese Erneuerung wird dem Archivwesen noch nicht völlig gerecht. Bei mir bleibt der Eindruck, dass die traditionell starke Trennung in Deutschland zwischen "Schriftgut" und "Archivgut", namentlich die klare Zerstückelung des durchgehenden Informationsprozesses in "neu" und "alt", dem deutschen Archivwesen jetzt beträchtliche Nachteile bringt. Mit viel weniger Besucherzahlen müssen Archivinstitutionen plötzlich mit Museen und Bibliotheken um den Platz streiten, während viele exogene, nicht-beeinflussbare Faktoren seitens der aktenproduzierenden und -abliefernden Verwaltung ausser Sichtweite bleiben.

Archive gehören zum Kern der Verwaltung und haben eine Aufgabe, die dem gewählten Wirkungsziel der baden-württembergischen Archivverwaltung  weit übersteigt: "Archivgut als Teil des kulturellen Erbes und der Erinnerungskultur zu sichern, zu erhalten und zugänglich zu machen" (Bickhoff, 187). Auch das Positionspapier der deutschen Kommunalarchive genügt in dieser Hinsicht nicht, nämlich "das historische Erbe der Gemeinden und Kreise zu bewahren, in der Gegenwart zu vermitteln und in die Zukunft weiterzugeben (Tiemann, 196). Mit solchen Profilen wird m.E. gut erklärbar, warum die genannte Archivverwaltung wie alle Verwaltungen so massiv einsparen muss, obwohl sie gleichzeitig den Abschluss und Umzug der Bestände von etwa 350 Behörden verdauen muss, die ab 01.01.2005 in 44 Land- und Stadtkreisen und 4 Regierungspräsidien aufgenommen worden sind (Schöntag).

Natürlich wehren sich die Autoren und versuchen auch die deutschen Archivare vermehrt sich aktiv am Verteilkampf in den Verwaltungen zu beteiligen, "sich rechtzeitig mit ihrer Kompetenz in die Planungsphase [der DM-Systeme] einzubringen und gemeinsam mit EDV-Experten und der Verwaltungsorganisation Handlungsstrategien zu entwickeln" (Tiemann, 197). Auch wird der Nutzen von Sensibilisierung und Hilfeleistung per Internet und Intranet gesehen. Der Grundtenor bleibt aber zu zögernd. Auch wenn der Satz "Die Erfahrung hat bislang gezeigt, dass innerhalb der Verwaltungen keine Konzeptionen existieren, wie wichtige Daten über einen bestimmten Tag X hinaus erhalten werden können" (Tiemann, 197) für sich meist noch stimmt, es ist nicht von einer Art Naturereignis die Rede.

Die Haltung der australischen Kollegen scheint mir auf jeden Fall zukunftsweisender, wo die Zerstückelung des Archivinformationsprozesses allmählich für eine Kontinuum-Sichtweise Platz (ge)macht (hat): "It is to information professionals that future generations will look if they find no surviving history of the early electronic age. It will not be the fault of those who brought the electronic age into being; it will be purely the fault of those who did not adapt their thinking and their solutions to the changing requirements of a new information environment"*.

* Steve Stuckey, "Foreword", in: Judith A. Ellis, Selected essays in electronic recordkeeping in Australia (East Malvern, 2000), S. v.