Bewertung und Kassation


Robert Kretzschmar: Tabu oder Rettungsanker? Dokumentationspläne als Instrument archivischer Überlieferungsbildung

Der Archivar. Mitteilungsblatt für deutsches Archivwesen, 55 (2002), Heft 4 (November), S. 301 - 306

Rezensent Peter Toebak

Der Autor sieht eine Möglichkeit, den Dokumentationsplan oder das Dokumentationsprofil bei der archivischen Überlieferung sinnvoll einzusetzen. Er hat trotzdem Kritik. Im Fall eines Dokumentationsplans geht der Archivar/die Archivarin strikt genommen als Dokumentar/in an die Arbeit. Er oder sie weiss im Voraus, was er oder sie abbilden will und sucht im Nachhinein bewusst die Quellen/Überreste dazu. Pertinenz sei so wichtiger als Provenienz, obwohl die Herkunft der Dokumente an sich natürlich dokumentiert bleiben könne.

Ein gewisses Rationalisierungspotenzial auf Grund solcher Methodik ist meines Erachtens nicht völlig abzustreiten, denn Dokumentare haben ebenfalls effiziente Arbeitsweisen entwickelt. Eine "lineare Zuordnung" zwischen Dokumentationsprofil und Schriftgut wäre, wie ich es sehe, theoretisch nicht auf Anhieb chancenlos. Das Vorgehen ist aber nicht "objektiv" genug. In Bezug auf die Überlieferung ist grundsätzlich eine methodische und informative Verarmung zu befürchten. "Festzuhalten bleibt (...), dass Dokumentationspläne als ein Hilfsmittel der vorbereitenden Phase und der Gegenkontrolle zu betrachten sind, nicht als Ausgangspunkt und Instrument der Bewertung im engeren Sinne, die provenienzgerecht am Funktionszusammenhang von Unterlagen anzusetzen hat" (305).

Kretzschmars Vorschlag, mit Dokumentationsplänen "im reduzierten Sinne" (306) zu experimentieren, muss im Wesentlichen als Korrektiv (der Autor spricht von "Sensibilisierung und Gegenkontrolle") des reinen Provenienzansatzes, mit dem Auge nur für den "prozessualen bzw. kommunikativen Kontext" (302) der Überreste/Quellen, verstanden werden. Dieses Korrektiv darf nicht einfach im "Hinterkopf" (304) des Archivars/der Archivarin verweilen, was ein neues "Fingerspitzengefühl" hochstilisieren würde (Matthias Buchholz).

Der Dokumentationsplan oder (wie der Autor es bevorzugt) der kontinuierlich fortzuschreibende "Katalog zeittypischer Phänomene und Probleme" könnte die archivische Bewertungsarbeit qualitativ verstärken, während auch archivübergreifende, sogar interdisziplinäre Abstimmungen mit anderen Institutionen mit Bewahrfunktion von Überresten und Traditionen möglich würden (im Sinne der amerikanischen "documentation strategy"). Archivgut ist genau angeschaut sicher auch Dokumentationsgut, weil es "Entscheidungen und Handlungen, Abläufe und Ereignisse, gesellschaftliche Prozesse und Phänomen" (301) festhält. Gerade für das interdisziplinäre Verständnis sollten derartige "Wortspiele" (des Autoren) aber vermieden werden. Schrift-, Archiv-, Dokumentations- und Bibliotheksgut sind alle Subkategorien der Hauptkategorie Informationsgut.