Synergien und Lageanalyse


Thekla Kluttig, Robert Kretzschmar, Karl-Ernst Lupprian, Wilfried Reininghaus, Udo Schäfer, Barbara Schneider-Kempf und Günther Wartenberg: Die deutschen Archive in der Informationsgesellschaft. Standortbestimmung und Perspektiven

Der Archivar. Mitteilungsblatt für deutsches Archivwesen, 57 (2004), Heft 1 (Februar), S. 28 - 36

Rezensent Peter Toebak

Das Pendel schwingt in Deutschland wieder zurück. Die Kulturseite des Archivwesens erhält in den Diskussionen zunehmend Gewicht, wie dies z.B. auch in den Niederlanden stattfindet. Zusammenarbeit zwischen Archiven und historischen Wissenschaften und Kooperation mit Bibliotheken und Museen werden thematisiert und z.T. auch bereits realisiert. "Die Archivwissenschaft war in den letzten Jahren vorrangig auf verwaltungswissenschaftliche Ansätze ausgerichtet; heute erscheint eine Rückbesinnung auf ihre quellenkundliche Dimension dringend erforderlich" (34). Die Überlieferungsbildung, Erschliessung und Auswertung (Forschung) sollen vermehrt abgestimmt werden, überdies soll die Web-Präsentation interdisziplinär über BAM-Portale (Bibliotheken, Archive, Museen) geschehen.

An sich ist diese Entwicklung erfreulich, sie kann aber auch kontraproduktiv sein. Die grossen Herausforderungen des Archivwesens betreffen noch immer die Bewertung und Aufarbeitung massiver Rückstände und (noch mehr) die prospektive Bewertung, Verwaltung und Sicherstellung digitaler Bestände. Die einschlägigen Probleme in diesen Bereichen sind mehrheitlich noch nicht gelöst. Die Arbeitsgruppe rechnet zu Recht mit Sichtweisen ab, wie "alles Wichtige (wird) noch ausgedruckt" (29) und "möglicherweise können am Besten die anbietungspflichtigen Stellen selber für ihre Datensicherung Sorge tragen". Aber mit mehr Informatikkompetenz in den Archiven, mehr technischer Infrastruktur, mehr technischer und logischer Standardisierung allein, sogar mit mehr archivübergreifender Zusammenarbeit ist es noch nicht getan. Wo die Registraturfunktion (in breitesten Sinne) quantitativ und qualitativ (noch) schwach ist, wie in Deutschland und z.B. auch in der Schweiz, sind es lediglich die Archivare, die in den Provenienzstellen mit Autorität und Wissen den notwendigen Umstellungsprozess angesichts Bewertung und Verwaltung der Daten- und Unterlagen-Records archivisch begleiten, anleiten und durchsetzen könnten.

Haben die Archive ausreichend Ressourcen für die Pflege der beiden Seiten des Janus-Kopfs, ergibt sich kein Problem. Ist dies nicht der Fall, muss doch zuerst der "Primärwert" des Archiv- und Schriftguts sicher gestellt werden (also im vorarchivischem Bereich), damit es nachher überhaupt noch ein "Sekundärwert" geben kann. Rationellere Bewertungsmethodiken, die ansetzen beim Evidenz- oder Kontextwert der Records, sind vorrangig zu realisieren, z.B. "top-down" statt "bottom-up". Es braucht moderne, prozessorientierte Basis-Systematiken. Die Belegschaft und das Management müssen geschult und sensibilisiert werden. Usw.

Viel wesentlicher ist m.E. die Feststellung der Arbeitsgruppe Informationsmanagement der Archive, dass auf ISAD(G) und ISAAR(CPF) zu Gunsten der (internationalen) Homogenität der Erschliessungstektonik auch in Deutschland für künftige Erschliessungsprojekte nicht verzichtet werden kann. EAD sollte weiter das Archiv- und Präsentationsformat (und Austauschformat) der bereits vorliegenden heterogen strukturierten Erschliessungen werden, wozu maschinelle bzw. manuelle Konversionen vorzunehmen sind. ISAD(G), EAD und XML haben syntaktisch Vieles gemeinsam und werden auch für Webangebote interessant sein. Semantische "Durchlässigkeit" mit dem Bibliotheks- und Museumsbereich wäre, so füge ich hinzu, relativ einfach über "crosswalks" (Metadaten mit Brückenfunktion) möglich.