Synergien und Lageanalyse


Andreas Kellerhals: Archive und Memopolitik. Von der verführerischen Kraft des Ungefähren

Arbido, (2006), Heft 1 (April), S. 37 - 44

Rezensent Peter Toebak

Der Titel des Artikels zeigt, dass der Autor als Direktor des Schweizerischen Bundesarchivs mit dem heute diskutierten Konzept der Memopolitik in der Schweiz nicht einig geht. Die Vagheit des Konzepts ist sicher ein Grund dafür, vermutlich aber vor allem die Stoss- und Denkrichtung. Aus dem Artikel können (in meiner Wortwahl) drei Basiserkenntnisse geholt werden:

Natürlich kann eine Memopolitik sinnvoll sein. Ein solches Etikett läuft allerdings leicht Gefahr der Zementierung von Platituden. Archive, Bibliotheken und Museen befassen sich nicht nur mit der Vergangenheit, sie haben v.a. auch eine prospektive Wirkung, zur Gemeinschaftsstiftung, Bildung einer Partizipationskultur und eben Demokratiebildung. Die UNO-Gipfel in Genf und Tunis zur Informationsgesellschaft haben dies stark thematisiert. Siehe auch den Beitrag von Josef Zwicker im gleichen Arbido-Heft, für die Wirkung der Archive (45-47).

Logisch, das der Archivar Kellerhals das Konzept der Memopolitik in dieser Form zurückweist. Es ist zu einseitig und auch zu abstrakt. Es reicht nicht, vier Schritte beim "Gedächtnisproduktionsprozess" festzustellen und dann zu meinen, dass alle Institutionen mit Bewahrfunktion ungefähr das Gleiche tun:

Mehrere Selektionsmomente sind in dieser Auflistung ersichtlich. Kellerhals bringt einige Einwände hervor, wobei klar wird, dass Archivierung ein bewusster, integrierter, aktiver, nicht erst nach dem Entstehen der Informationen beginnender Prozess ist. Sie sollte dies auf jeden Fall sein, denn das Management der Daten- und Unterlagen-Records ist bekanntlich noch lange nicht  ausreichend organisiert, nicht in der Bundesverwaltung, den Kantons- und den Gemeindeverwaltungen und nicht in Unternehmungen oder anderen Organisationen. Eine grosse gesellschaftliche Herausforderung macht sich gerade in dieser Hinsicht kenntlich, welche von Kellerhals lapidar mit dem Einwand "Archivierung ist kein linearer Prozess" kurz gefasst wird.

Das Konzept der Memopolitik ist oberflächlich natürlich bestechend. "Vermeidung von Doppelüberlieferungen resp. Überlieferungslücken, eine bessere Koordination der Aktivitäten, ein effizienterer Einsatz der Finanzmittel und eine Förderung des Nachdenkens über die zukünftigen Datenträger (das eArchiv)" sind alle in Ordnung (41). Dies allein bringt aber nichts. Es müsste konkret werden, wenn es darum geht, ein Dokumentationsprofil zu entwickeln, einen horizontalen und vertikalen Bewertungsansatz zu ermöglichen oder eine schärfere Trennung zwischen Bibliotheksgut und Archivgut festzuschreiben. Es ist tatsächlich die Frage, ob die Regulatoren (in der zentralen Bundesverwaltung) hier mehr erreichen als die Operatoren (im Archiv-, Bibliotheks- und Museumsbereich) selber.