Mikroverfilmung und elektronische Archivierung


Anton Heer: Hightech versus dauerhafte Archivierung?

Arbido, 18 (2003), Nr. 3 (März), S. 10 - 12

Der Autor signalisiert das "wachsende Problembewusstsein" (nota bene: bei Archivaren!) "bezüglich der elektronischen Langzeit-Datenhaltung" (10). Sein Artikel ist meiner Ansicht nach eher der Beweis dafür, dass auch Nicht-Archivare sich allmählich mit dieser interessanten Herausforderung befassen zu beginnen. Dies ist erfreulich, würde aber auch die Perzeption der Archivistik in Bezug auf die E-Archivierung voraussetzen. Erspart man sich dies, ist die Gefahr gross, dass man bereits Gesagtes und Diskutiertes als neu auftischt.

Dass die "traditionelle Beschränkung (...) auf die Haltbarkeit von Datenträgern (...) per Definition [im E-Umfeld] nicht mehr sinnvoll" ist (10), ist z.B. schon längst bekannt. Auch die sogenannte Systemkette maschinengebundener Datenhaltung ist nichts Neues: Datenträger, Hardware, Software und Know-how. Schon vor etwa zehn Jahren wurde in diesem Zusammenhang von den drei ersten Elementen und zwei weiteren, namentlich Inhalt / Kontext und Systemdokumentation (statt Know-how) gesprochen.

Die Feststellung, dass das Lebenszyklus-Management von Datenbeständen "einen laufenden Mittelzufluss" (Betrieb, Wartung und Erneuerung) voraussetzt, überrascht ebenso wenig. Die ersten konkreten Studien liegen international bereits vor. Die Risiken und Problemfelder sind gleichfalls bekannt. Der Autor hält eine Beschleunigung der technischer Entwicklungen noch immer für wahrscheinlich ("ungebrochener Trend"), obwohl andere Autoren mittlerweile von einer "Verflachung" sprechen.

Das Open Archival Information System (OAIS), die archivische Bewertung und das Konzept des Archivs als "locus credibilis" sind der eher konservativen und defensiven Sichtweise des Autoren nachdrücklich gegenüber zu setzen. Seine Idee, die Überlieferung der "Primärquellen" am Besten auf "technologisch tiefem Niveau" sicher zu stellen, wird im Archivwesen, zwar modifiziert, durchaus angewendet (z.B. "flat files", XML-Format, usw.). Nur die Schnittstellen nach Aussen, zur schnelllebigen Produktions- und Benutzungsumgebung, müssen technologisch völlig offen bleiben (siehe z.B. auch das ERA-Model der NARA).

Gewiss darf der Unterschied zwischen dem öffentlichen Archivwesen und dem Archiv eines Privatunternehmens gerade in dieser Hinsicht nicht vernachlässigt werden. Das Leistungsangebot eines öffentlichen Archivs an Gesellschaft und Wissenschaft muss in den meisten Fällen attraktiver und dynamischer sein als dieses eines Unternehmungsarchivs. Mikroverfilmung aus Kostengründen liegt im letzten Fall darum sicher eher auf der Hand.