Bestandserhaltung


Annette Gerlach und Uwe Schaper: Bestandserhaltung in Berlin und Brandenburg. Auswertung einer Umfrage in Archiven und Bibliotheken

Bibliotheksdienst. Organ der Bundesvereinigung deutscher Bibliotheksverbände (BDB), 39 (2005), Heft 12 (Dezember), S. 1553 - 1582

Rezensent Peter Toebak

Die Autoren präsentieren die Resultate einer umfassenden Datenerhebung, wobei alle Facetten der Bestandserhaltung thematisiert wurden. Sie knüpfen an einer Konzeption aus den Jahren 1995/1996 an. Die Schadenssituation hat sich seither nicht gebessert. Viele Grundbedingungen werden noch immer nicht erfüllt, ob sie nun die Infrastruktur, das Personal oder das Sachbudget betreffen. "Nachdem die ermittelten Kosten für bestandserhaltende Massnahmen (Reinigung, Entmetallisierung, Entsäuerung und Stabilisierung des Papiers, Entschimmelung, Restaurierung, Anfertigung von Schutzmedien, Lagerung und Verpackung) zurzeit im Durchschnitt mit ca. 680 Euro pro laufendem Meter Archiv- oder Bibliotheksgut angesetzt werden können, bleibt im Ergebnis festzustellen, dass nach wie vor bei zwei Dritteln der Einrichtungen der Etat nur als völlig unzureichend gewertet werden muss" (1566).

Bestandserhaltung ist auch m.E. eine "Daueraufgabe" (1579) mit prophylaktischer, konservatorischer und restauratorischer Ausrichtung. Der Rückstand ist gross. Bestandserhaltung in all ihren Facetten bleibt notwendig, solange Rückstände bestehen, neue physische Informationsobjekte erzeugt werden und Unterhalt nötig ist. Sensibilisierung, Kooperation und Abstimmung sind zweifellos notwendig. Die Bestandserhaltung ist seit dem Ende der Neunziger Jahren klar in die Defensive geraten, obwohl sie sich erst in den Achtziger und anfangs der Neunziger Jahre im Archiv- und Bibliotheksbereich emanzipieren konnte. Dies steht, wie ich es sehe, direkt mit der Digitalisierung in Zusammenhang. Natürlich kann Digitalisierung (wie Mikroverfilmung) als Schutzmassnahme eingesetzt werden. Hauptsächlich steht sie aber in Konkurrenz mit der herkömmlichen Bestandserhaltung und zieht schonungslos Mittel und Aufmerksamkeit ab.

Es ist offenbar den Trägerorganisationen (und Managern der Bewahrinstitutionen) zu viel, in allen Bereichen - Papierentsäuerung, Originalerhaltung, Mikroverfilmung und Digitalisierung - gleichwertige Akzente zu setzen. Zwar bleibt (innovative) Bestandserhaltung erforderlich. Digitalisierung heisst aber auch Strukturwandel. Die Mehrheit der neuen Informationsbestände wird bald einmal primär elektronisch - digitalisiert oder "born digital" - vorliegen, im Archivwesen möglich noch mehr als im Bibliothekswesen. Es dringt sich auf: Bibliotheken und Archive können nicht permanent beides machen. Sie müssen bei der "aktuellen Überlieferung" zwischen "Papier" und "Digital" entscheiden, auch wenn immer wieder gesagt wird, dass "noch kein überzeugendes und allseits verbindliches Konzept zur Langzeitarchivierung elektronischer Daten" vorhanden ist (1572).  Sensibilisierung, Kooperation und Abstimmung ist auch in diesem Sinne notwendig.