Synergien und Lageanalyse


Marianne Dörr: Mehr Kooperation zwischen Archiven und Bibliotheken. Podiumsdiskussion auf dem 94. Bibliothekartag in Düsseldorf

Bibliotheksdienst. Organ der Bundesvereinigung deutscher Bibliotheksverbände (BDB), 39 (2005), Heft 6 (Juni), S. 826 - 830

Rezensent Peter Toebak

Archive und Bibliotheken bringen manchmal zu wenig Verständnis für einander auf. Beide Institute pflegen das Gedächtnis der Gesellschaft und vermitteln Wissen. Im Kern unterscheiden sie sich aber in entscheidenden Punkten. Terminologische Unklarheiten und Überschneidungen beim Bestandsaufbau, z.B. bei den amtlichen Druckschriften, Nachlässen, Autographen und Zeitungsserien, dürfen hierüber nicht hinwegtäuschen. Es ist zu einfach, zu meinen, dass das Publikum bei Bibliotheken und Archiven etwa das Gleiche erwartet. Die (groben) Unterschiede sind durchaus bekannt. "Als Wissenschaftlerin erwartet [Gudrun Gersmann] von Bibliotheken die schnelle Belieferung mit wissenschaftlicher Fachliteratur, in den Archiven aber wünscht sie sich weiterhin die Entdeckungsmöglichkeit unbearbeiteter Materialien und das haptische Erlebnis der Arbeit mit historischen Originalen" (828).

Fachliche Unterschiede sind vorhanden, sie müssen Synergien dennoch nicht im Wege stehen. Der 1. Schritt betrifft "ein tieferes Wissen über die spezifischen Arbeitsgänge, die Erschliessungsregeln, Benutzungsfragen" des "jeweils anderen Bereichs" (826). Weitere Schritte zu mehr Verständnis als Basis für verstärkte Zusammenarbeit werden aufgezeigt: gemeinsame Publikationen, Ausbildungsangebote und (lokale) Kooperationsprojekte. In den Vorträgen und Diskussionen ging es um folgende Synergien:

Fachliche Unterschiede müssen zudem nicht zur Isolierung führen. Brücken zwischen heterogenen Datenstrukturen und unterschiedlichen Erschliessungsstandards können gebaut ("crosswalks") und methodische Ansätze ausgetauscht werden. Sogar in den Bereichen, wo die Unterschiede im ABD-Bereich faktisch intrinsisch sind (Beschreibung/Ordnung/Erschliessung und Bewertung/Sammlung), sind Synergien nicht unmöglich. Bibliothekare haben beispielsweise die Notwendigkeit von Bewertung für publizierte Texte und Netzangeboten mittlerweile entdeckt und auch die Bedeutung von Kontexterschliessung in Bezug auf Struktur oder Inhalt erkannt. Gerade diesbezüglich haben Archive viel Erfahrung aufgebaut, während Bibliotheken in der "jahrhundertealte Tradition der Kooperation" ihre Stärke finden, weil "strenge Trennung der Zuständigkeitsbereiche" und "Unikatsverzeichnung" hier nie im Vordergrund standen (828).

Das Thema ist auch in Frankreich aktuell. Jean-Daniel Zeller publiziert einen ausführlichen Tagungsbericht unter dem Titel "Un métier, des métiers. Convergences et spécificités des métiers des archives, des bibliothèques et de la documentation", in Arbido, 20 (2005), Heft 7-8 (Juli/August), S. 25-27. Die Tagung fand am 28.-29. Januar 2005 in Paris statt und bracht mehr oder weniger die gleichen Ergebnisse: gemeinsame Herausforderungen technischer und gesellschaftlicher Art, mehr Zusammenarbeit bei der Präsentation und Auswertung der Daten, mehr Abstimmung bei der Profilierung nach Aussen. Es ist in diesem Kontext bemerkungswert, dass die französische Archivtradition seit je stark "sujet"-orientiert war und dadurch mit dem Bibliotheks- und Dokumentationswesen mehr Ähnlichkeiten hat als in anderen Ländern.