Personal und Organisation


Konrad Schneider: Das Ende der Aktenzeit? Eine Herausforderung für die Archive

Der Archivar. Mitteilungsblatt für deutsches Archivwesen, 54 (2001), Heft 3 (Juli), S. 203 - 206

Rezensent Peter Toebak

Karteien sind auch in städtischen Verwaltungen mittlerweile durch Datenbanken ersetzt worden. Das konventionelle Schriftgut bleibt aber noch wichtig genug, zumal es dem "papierenen, weitaus weniger manipulierbaren Vorgang als Rechtsgrundlage" (203) fürs Erste besser dienen kann. Die Probleme und Mängel des traditionellen Registratur- und Archivwesens sind darum auch noch immer aktuell.

Der Autor stellt am Beispiel der Grossstadt Frankfurt am Main mögliche Probleme im Vordergrund. Obwohl die Organisationsvorschriften bezüglich Ablage, Systematik (Generalaktenplan, Teilaktenpläne), Einsicht und Abgabe der Akten (auch Bilder, Pläne, Karten) sehr wohl ausreichen, sieht deren Umsetzung in der Realität viel weniger gut aus. Positive Ausnahmen, mit geordneten Registraturführungen, sind selbstverständlich vorhanden. Nachlassende Qualitätsstandards beim Registraturpersonal (höchstens rudimentäre Aktentitel ohne Aktenzeichen, keine Hilfsmittel zur Sekundärerschliessung, schlecht klimatisierte Räume), mündliche Amts- und Politikkultur bei der Vorbereitung von Sach- und Personalentscheidungen und falsche "Anti-Bürokratie-Reflexe" spielen klar eine negative Rolle.

Wo Zentralregistraturen von Ämtern zugunsten von Abteilungs- und Sachbearbeiterablagen aufgelöst wurden, ist die Situation oft verheerend für die Überlieferungsbildung. Aller Überblick geht verloren. "Hier gelingen den Archivaren zwar gelegentlich noch kleine Übernahmen, in erster Linie beim Ausscheiden von Mitarbeitern, die die Frucht ihrer langjährigen Arbeit im städtischen Archiv aufbewahrt wissen möchten und ihr ein Ende im Reisswolf ersparen möchten" (205). Unternehmensberater verstehen den Nutzen und Sinn von Schriftgutverwaltung und Archivierung oftmals nicht. Auch Verwaltungsmitarbeitende unterschätzen den Wert der Registratur- und Archivarbeit.

Es ist problematisch, dass eine europäische Grossstadt auf diese Weise an der Informationsgesellschaft "teilnimmt" und weit vom "Governance-Modell" einer modernen Verwaltung (Transparenz, Effizienz, Bürgernähe) entfernt bleibt. Auch ist es illusorisch, zu meinen, dass ohne wirkungsvolle Schriftgut- und Archivtradition je ein gut funktionierendes elektronisches Dokumentenmanagement aufgebaut werden kann.