Vermittlung und Benutzung


Marianne Dörr und Astrid Schoger: Inkunabeln im Internet. Ein Digitalisierungsprojekt der Bayerischen Staatsbibliothek

Bibliotheksdienst. Organ der Bundesvereinigung deutscher Bibliotheksverbände (BDB), 34 (2000), Heft 2 (Februar), S. 255 - 264

Rezensent Peter Toebak

Im Rahmen eines DFG-Programms "Retrospektive Digitalisierung von Bibliotheksbeständen" hat die Bayerische Staatsbibliothek einen Teil ihrer reichen Sammlung an Inkunabel-Illustrationen (Holzschnitte des 15. Jahrhunderts) seit 1998 digitalisiert. Es handelt sich um einen repräsentativen Querschnitt von 76 Titeln, insgesamt 6.377 Seiten, aus der weltlich-literarischen Erzähltradition, der religiösen Literatur, aus Pflanzen-, Kräuterbüchern und Chroniken. Die Sammlung wird im Internet der kunsthistorischen Forschung und breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht und ist inzwischen auf reges Interesse gestossen.

Bei der Digitalisierung wurde eine maximale Auflösung von 384 dpi gewählt, was angesichts der Feinheit (Grobheit) des vorliegenden Materials, der Reproduktionsqualität und der gängigen Leitungs- und Übertragungskapazität ausreichen sollte. Die Original-Vorlagen wurden direkt digitalisiert, da dies der Farbwiedergabe (etwa 30% der Drucke sind handkoloriert) zugute kam: das "Problem der potentiell doppelten Farbverschiebung vom Original zum Film, vom Film zum Digitalisat stellt sich damit nicht" (256).

Aus der Langzeitperspektive ist das Fehlen von Mikrofilmen jedoch bedenklich. Es ist wirklich schade, dass Institutionen mit Bewahrfunktion immer wieder freie Hand haben bzw. nehmen, auch wenn es wie in diesem Fall um DFG-Programme geht (Deutsche Forschungsgesellschaft). Die Bibliotheks- und Archivwelt, die vor allem mit öffentlichem Geld arbeitet, sollte es besser wissen, auf jeden Fall weniger Freiheit haben: einheitlicheres Vorgehen, gewissenhafte Berücksichtigung der Langzeitaspekte. Es braucht diesbezüglich unbedingt Standards (Auflagen), wenigstens "best practices".

Die Master-Bilddateien liegen im TIFF-Format auf CD-ROM vor: unkomprimierte TIFF-Dateien von ca. 45 MB (Farbbilder) oder 14 MB (256 Graustufen). Für die Präsentation im Internet wurde ausserdem eine reduzierte Version im JPEG-Format (etwa 100 KB) erzeugt. Die Erschliessung des Materials hinterlässt einen guten Eindruck. Für die Erschliessung mittels MS-Access-Datenbank wurde wohl auf einen internationalen Standard zurückgegriffen, namentlich auf die kunsthistorische IconClass-Systematik mit 10 Hauptklassen für Kunstobjekte und Inhalte. Dieser Standard wurde auf kreative Weise angewendet (Beschreibung der dargestellten Szene als Ganzes statt der inkorporierten Einzelelemente), wobei auch das Ergebnis bereits abgeschlossener und noch laufender relevanter bibliographischer Projekte als Kontextwissen eingebunden werden konnte.

Die Zugriffsmöglichkeiten auf die Inkunabel-Illustrationen sind vielfach geworden, der Vorbereitungs- und Aufbereitungsaufwand für die Internet-Darstellung trotzdem offenbar vertretbar geblieben.