Finanzen und Infrastruktur


Stephan Fliedner: Zur Bewertung des Buchbestandes von Hochschulbibliotheken

Bibliotheksdienst. Organ der Bundesvereinigung deutscher Bibliotheksverbände (BDB), 35 (2001), Heft 7/8 (Juli/August), S. 840 - 841

und

Klaus-Rainer Brintzinger: Bilanzierung und Bewertung von Buchbeständen

Bibliotheksdienst. Organ der Bundesvereinigung deutscher Bibliotheksverbände (BDB), 35 (2001), Heft 10 (Oktober), S. 1320 - 1326

Der erste Autor stellt sich die Frage, ob der Geldwert des Buch- und Medienbestands einer Bibliothek für eine Eröffnungsbilanz ermittelt und festgelegt werden kann. Er beantwortet diese Frage grundsätzlich mit nein. Bücher und Medien sind keine Produktionsfaktoren oder Betriebsmittel wie Gebäude, Gerät, Personalressourcen, Strom, Buchbinderleim usw. Es sind Produkte (Endergebnisse), wobei nur die Produktionsabläufe (Auswahl, Erwerbung, Erschliessung, Aufbereitung, Präsentation, Bereitstellung, Aufbewahrung und Bestandserhaltung) gemessen und verglichen werden können. Bücher und Medien verursachen Kosten, sind aber "eigenständiger und konstituierender Bestandteil des kulturellen Überbaus". Vor allem die Altbestände sind "als Wert an sich (...) unschätzbar". "Natürlich geht es auch hier um Bezahlbarkeit, aber der Kernauftrag ist politisch, nicht ökonomisch bestimmt" (841).

Der zweite Autor widerspricht den Hauptgedanken des ersten Autors (Kulturgut ist unschätzbar). Bücher und Medien sind "hervorragend bilanzierbar" (1320), wie Buchhändler, Antiquare und Versteigerungen zeigen. Er sieht aber den Nutzen einer Bilanzierung genauso wenig, weil von einer aussagekräftigen Gegenüberstellung von Aktiva (Geldwert des Bestands) und Passiva (Eigentumsanspruch des Unterhaltsträgers) und von einem berechenbaren Periodenerfolg nicht die Rede sein kann. Das Bilanzergebnis bleibt reell unberührt. Der Autor fügt noch hinzu, dass die Aktivseite einer Bilanz zwar auch als Inventar dienen kann (Auflistung der Vermögensgegenstände), auch wenn die Bewertungskriterien für Bücher und Medien zu "schwierig" und "willkürlich" sind (z.B. Niedrigstwertprinzip, Ertragswert, Gebrauchs- oder Nutzwert).

Beide Beiträge sind interessant. Sie beschränken sich aber auf eine reine betriebswirtschaftliche Sichtweise. Ansätze wie NPM, aber auch die Vision "Information ist ein, sogar das wichtigste Produkt in der Informationsgesellschaft" gehen dennoch weiter. Der Nutzen eines jeden Produkts sollte, meines Erachtens, messbar sein, nicht nur im Bibliotheks- und Dokumentations-, sondern auch im Archiv- und Schriftgutwesen für die Gesamtunternehmung oder Verwaltung. Wenn IuD-Fachleute und Betriebswirtschaftler sich über die Bewertungsmassstäbe einigen können, ist der psychologische, organisatorische und politische Gewinn nicht zu unterschätzen. Festlegung "objektiver" Kriterien wird nicht leicht sein, gehört aber zum sensibilisierenden und rationalisierenden Teil der Übung. Mögliche Leitplanken hierbei sind (abgesehen vom obengenannten Gebrauchs- oder Nutzwert) der Ersatzwert des Bestands, eine Abschreibung wegen Werteverzehr des säurehaltigen Papiers sowie die eventuelle Wertsteigerung älterer Bestände im Laufe der Zeit.