Da heute in fast aller Publikationsarbeit der Akzent auf Digitalisieren und elektronischem Verfügbarstellen der Informationen liegt, müssen andere Themen wie Erschliessung, Ergänzung, Vermittlung und Erhaltung historischer Bestände um Aufmerksamkeit kämpfen.
Fachausbildungen dürfen nicht vergessen, dass für die Verwaltung und Vermittlung von Handschriften, alten Drucken und Sonderbeständen Spezialkenntnisse wie alte Sprachen, Quellenkunde, historische Hilfswissenschaften, aber auch besondere Umgangsformen, Benutzerkompetenz und bibliographisches Wissen erforderlich sind. Die Bestände sind im Gegensatz zu alter Musik, bildender Kunst und Architekturdenkmälern ohne "Dolmetscher" wenig zugänglich.
Die Gefahr besteht immer wieder, dass Erschliessungs- und Digitalisierungsprojekte historischer Bestände punktuell ausgerichtet sind, ohne viel Abstimmung zwischen Wissenschaft und Bibliothekswesen. Mittelfristige, flächendeckende und vernetzte Projekte würden für alle Beteiligten fruchtbarer sein, dafür werfen begrenzte Studien schneller Ergebnisse ab und sind meist auch einfacher zu finanzieren. Doppelarbeit gilt es zu vermeiden, methodische Konsistenz und Akzeptanz sind angesagt.
Noch mehr Gefahren sind vorhanden: Ausstellungen und Spezialprojekte beziehen sich oft auf attraktivere Sonderfälle ("Anschein einer heilen Welt", 431). Sie sind zwar wichtig für die Öffentlichkeitsarbeit, bedeuten aber in Bezug auf den Normalbetrieb eine recht aufwendige Zusatzbelastung. "Die Retrodigitalisierung sollte zur regulären Aufgabe werden", aber mit Hilfe von zusätzlichen Kapazitäten (432, Fussnote 5).
Die Autoren beschränken sich auf die Rara-Abteilungen wissenschaftlich-historischer Bibliotheken. Auch für das Archivwesen sind ihre Überlegungen aber interessant. Archivare brauchen für ihre "retrospektive" Aufgaben mutatis mutandis die gleichen Fähigkeiten und Kapazitäten. Wie in (grösseren) Bibliotheken, setzt sich auch in (grösseren) Archiven die Tendenz durch, dass für Alt- und Neubestände Spezialismen (und Antagonismen) entstehen.
Archivare müssen das Vorstellungsvermögen von Entscheidungstragenden manchmal ebenfalls strapazieren, wobei betriebswirtschaftliche Argumente besser Abhilfe bieten können: "Ist der Marktwert einer mittelgrossen Sammlung alter Drucke auf z.B. 30 Mio. DM zu veranschlagen, so beträgt die jährliche Wertsteigerung mehr als eine Million DM - allerdings nur, wenn die Bestände auch gut konserviert werden" (436). Ausserdem trägt "die in die Sammlung bereits investierte Arbeit früherer Generationen nur dann weiterhin Zinsen (...), wenn sie mit zeitgemässen Mitteln aufgenommen und fortgeführt wird" (436).