Auch Wissenschaftliche Bibliotheken werden allmählich dazu gezwungen sein, ihre Bestände differenziert für die Zukunft sicherzustellen. Originalerhaltung ist kostbar, wegen der Notwendigkeit konservatorischer und restauratorischer Massnahmen und des Bedarfs an teueren Magazinräumen. Mikroform (Ersatz- und Schutzverfilmung) und Digitalisierung bzw. Imaging können Alternativen bieten, weil so die Informationsflut komprimiert werden kann. Ob diese Alternativen (längerfristig) auch wirklich zu Kosteneinsparungen führen und um wieviel es hierbei gehen kann, bleibt leider unbehandelt. Es ist andererseits eine Tatsache, dass auch bei Originalerhaltung gezielte Mikroverfilmung und Digitalisierung vermehrt anfallen werden.
Es ist interessant, dass (wenigstens offiziell) in Deutschland daran gedacht wird, im Durchschnitt 10-15% der Anzahl neuerworbener Titel auf Zeit zu kassieren. In diesem Zusammenhang werden drei Kategorien von Bibliotheksbeständen aufgezeigt:
Es ist klar, dass solche Kategorien für Archivgut nur bedingt Relevanz haben, weil es sich hierbei grundsätzlich um Unikate handelt und Archivgut unwillkürlich als Schriftgut anfällt. Spreu von Weizen zu trennen ist beim Eingang weniger oder nicht möglich (lediglich bei der Registrierung der Eingangsstücke), kann oft erst auch nach Ablauf einer administrativen oder juristischen Frist der Dokumente und Dossiers vorgenommen werden (Aussonderung und Kassation bis zu 90% auf der Basis archivischer Bewertung). Die Möglichkeiten der gezielten Originalerhaltung durch Kooperation, z.B. in einem Projekt wie die "Sammlung Deutscher Drucke" und über ein Legaldepot von Pflichtexemplaren für neue Werke, sind für das einmalige Archivgut ebenfalls grundsätzlich ausgeschlossen.
Die Bestandserhaltungsmassnahmen der aufzubewahrenden Bestände sind trotzdem mehr oder weniger gleich. Sichtung der Bestände, sowie Prävention und Konservierung vor Restaurierung sind für wertvolles Bibliotheks- und Archivgut gleich relevant. Wenn es dann zu Restaurierung kommt, gilt mit Recht die Warnung der Autors: "Original, das ist nicht nur der Text und der Schriftträger, der Einbandbezug mit Stempeln. Original, das sind auch Gebrauchsspuren an Einband und Blättern, das ist die Hefttechnik ebenso wie die Art der Holzdeckelbearbeitung, die Einschläge am Lederbezug, die Spuren des Beschneidmessers im Schnitt, der überladene historische Verlagseinband usw." (735).
Der Artikel basiert auf einem Vortragstext und ist für das Umdenken im Bibliothekswesen richtungsweisend. Es stört trotzdem, dass die Bewahrfunktion der Bibliotheken immer wieder mit "Archivfunktion" und "Archivierungswürdigkeit" verwechselt wird. Fachberichte sollten derartige sprachlichen Unsauberkeiten nicht länger verbreiten. Auch der Titel ist etwas irreführend, weil über finanzielle Kennzahlen im Rahmen der Bestandserhaltung, Mikroverfilmung, Digitalisierung und Lagerung leider gar nicht gesprochen wird.
Siehe auch: "Aussonderungen aus dem Bibliotheksbestand. Eine Arbeitshilfe" der Kommission des EDBI für Erwerbung und Bestandsentwicklung, erschienen in Bibliotheksdienst. Organ der Bundesvereinigung deutscher Bibliotheksverbände (BDB), 34 (2000), Heft 12 (Dezember), S. 1993 - 1999, insbesondere S. 1994.